Wie lange halte ich an einer Situation fest, die vorbei ist?

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Jeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dabei gab es immer wieder Situationen, über die ich mich geärgert habe. Ein Auto fuhr zu dicht an mir vorbei. Beim Abbiegen wurde ich übersehen. Andere Verkehrsteilnehmer waren unaufmerksam oder hielten sich aus meiner Sicht nicht an die Regeln.

Und die Situation war damit für mich oft noch lange nicht vorbei.

Auf der Arbeit erzählte ich davon. Freunden. Meiner Familie. Ich wollte erzählen, was passiert war – und wahrscheinlich auch hören: Ja, du hast recht. Das war rücksichtslos.

Irgendwann fiel mir auf, dass sich solche Situationen wiederholten. Oder vielleicht wiederholte sich vor allem meine Reaktion darauf.

Und ich begann mich zu fragen:

Warum passiert mir das ständig? Möchte ich das? Was kann ich verändern?

Was darf ich gerade lernen und loslassen?

Zuerst kam mir die Frage: Was will mir das Leben damit zeigen? Was ist der Spiegel?

Heute würde ich es vielleicht etwas anders formulieren:

Was darf ich gerade lernen und loslassen?

Denn ich konnte die anderen Verkehrsteilnehmer nicht verändern. Ich konnte dafür sorgen, dass ich aufmerksam fahre und gut auf mich achte. Doch was andere tun, lag außerhalb meines Einflusses.

Was ich verändern konnte, war das, was nach der Situation in mir geschah.

Ein Auto fährt zu dicht an mir vorbei. Ich erschrecke mich, vielleicht ärgere ich mich. Das ist in diesem Moment da.

Doch wenige Sekunden später ist das Auto weg. Ich fahre weiter. Mir ist nichts passiert.

Die Situation ist vorbei.

Und trotzdem konnte ich sie noch eine Stunde später mit mir herumtragen. Ich konnte sie auf der Arbeit erzählen, am Abend noch einmal davon berichten und mich beim Erzählen erneut ärgern.

Das Ereignis dauerte vielleicht fünf Sekunden.

In meinen Gedanken konnte es Stunden dauern.

Irgendwann veränderte sich etwas

Ich nahm meine Umwelt beim Fahrradfahren weniger bedrohlich wahr. Ich war weiterhin aufmerksam – vielleicht sogar genauso aufmerksam wie vorher. Aber ich war innerlich anders unterwegs.

Heute fuhr wieder ein Auto ziemlich dicht an mir vorbei. Ich bemerkte es. Und gleichzeitig bemerkte ich noch etwas anderes:

Ich blieb gelassen.

Ich fuhr einfach ruhig und entspannt weiter.

Das hat mich selbst überrascht. Denn früher hätte genau diese Situation wahrscheinlich sofort etwas in mir ausgelöst. Ich hätte mich geärgert, den Autofahrer innerlich bewertet und vielleicht später jemandem davon erzählt.

Heute war da ein Auto, das dicht an mir vorbeifuhr.

Und dann war es vorbei.

Vielleicht liegt genau darin für mich die Veränderung: Die äußere Situation muss sich gar nicht verändern, damit ich sie anders erleben kann.

Ich muss die Welt nicht für ungefährlich halten. Im Straßenverkehr gibt es reale Gefahren, und Aufmerksamkeit schützt mich. Aber ich muss auch nicht überall eine Bedrohung erwarten.

Zwischen aufmerksam sein und in Alarmbereitschaft sein liegt für mich inzwischen ein großer Unterschied.

Vertrauen

Für mich hat diese Gelassenheit viel mit Vertrauen zu tun.

Mit dem Vertrauen, das anzunehmen, was sich gerade zeigt. Mit dem Vertrauen, dass das Leben auf meiner Seite ist. Und mit dem Vertrauen in mich selbst:

Was auch immer mir begegnet, ich kann damit umgehen.

Das bedeutet für mich nicht, dass immer alles so geschieht, wie ich es mir wünsche. Es bedeutet auch nicht, Gefahren zu übersehen oder unangenehme Situationen schönzureden.

Es bedeutet, dass ich nicht schon vorher all das durchleben muss, was mein Verstand aus einer Situation machen könnte.

Mein Verstand kann ziemlich gut darin sein, mögliche Gefahren zu finden. Und mein Ego liefert ihm gern noch ein paar Argumente dazu: Das war rücksichtslos. Das darf der doch nicht. Stell dir vor, was hätte passieren können.

Und ja – es hätte etwas passieren können.

Es ist aber nichts passiert.

Also darf ich die Angst, die in diesem Moment entstanden ist, auch wieder loslassen. Ich muss sie nicht mitnehmen.

Vielleicht ist Vertrauen für mich genau das:

Ich weiß nicht, was mir das Leben als Nächstes zeigt. Aber ich vertraue darauf, dass ich damit umgehen kann.

Und plötzlich muss ich das Leben nicht mehr ständig daraufhin beobachten, wo die nächste Gefahr lauern könnte. Ich kann wieder wahrnehmen, was ebenfalls da ist.

Den Fahrtwind. Die Menschen. Die Bäume. Den Himmel. Meinen Weg.

Das Leben, das gerade stattfindet.

Die Situation ist vorbei

Vielleicht gibt es auch in deinem Leben Situationen, die längst vorbei sind und die du in deinen Gedanken immer wieder neu erlebst.

Vielleicht war das, was geschehen ist, tatsächlich unangenehm, verletzend oder beängstigend. Es geht nicht darum, das kleinzureden.

Aber vielleicht darf irgendwann die Frage kommen:

Ist es jetzt noch da – oder halte ich es gerade selbst noch fest?

Und vielleicht darfst du dir dann sagen:

Die Situation ist vorbei.

Was wäre, wenn du sie dort lassen könntest, wo sie hingehört – in der Vergangenheit – und deine Aufmerksamkeit wieder dem Leben schenkst, das gerade da ist?

Wie lange hältst du an einer Situation fest, die eigentlich schon vorbei ist?